Liz Moore: Der andere Arthur (Verlag C. H. Beck)

Rezension von Julia Hartel

Wer andere rettet, rettet sich selbst


So viel vorweg

„Hey, wie toll, ein neues Buch von Liz Moore!“, dachte ich, als im Februar Der andere Arthur herauskam. Moores 2025 auf Deutsch erschienener Erfolgsroman Der Gott des Waldes hatte mir gut gefallen. Der andere Arthur stammt jedoch, wie ich dann erfuhr, bereits aus dem Jahr 2012 und wurde erst jetzt von Cornelius Hartz übersetzt. Kein neues, sondern ein altes bzw. frühes Werk also. Ich war trotzdem gespannt.

Worum geht’s?

Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: Da ist zum einen Arthur Opp, Ende fünfzig und ehemaliger Literaturprofessor, der wegen seines krankhaften Übergewichts sein Haus in Brooklyn seit über einem Jahrzehnt nicht verlassen hat. Der Vorwurf, eine Beziehung zu einer seiner Studentinnen zu haben, markierte einst den Endpunkt seiner Karriere und infolgedessen auch seines Soziallebens.

Der andere Ich-Erzähler ist Kel Keller, siebzehn Jahre alt und footballbegeistert. Er lebt mit seiner alkoholkranken, sozial isolierten Mutter in prekären Verhältnissen. Was – genauer gesagt: wer – die männlichen Protagonisten verbindet, verrate ich an dieser Stelle nicht. Vielleicht nur so viel: Gerade dadurch, dass die Verbindung wegbricht, finden die beiden zusammen.

Stilistisches et cetera

Das Buch besteht aus fünf Hauptkapiteln, die jeweils in mehrere Unterkapitel unterteilt sind. Arthur und Kel erzählen abwechselnd. Im fünften Teil erfolgen diese Perspektivenwechsel in immer kürzeren Abständen, sodass sich die Erzählstränge rasch aufeinander zubewegen (das Spiel mit Perspektiven und Erzählsträngen scheint Moore zu liegen – in Der Gott des Waldes hat sie es perfektioniert).

Die Ausdrucksweise der beiden Ich-Erzähler unterscheidet sich insofern, als Arthur natürlicherweise ein etwas anderes, weniger jugendliches Vokabular hat als Kel. Davon abgesehen sind mir jedoch keine großen Unterschiede aufgefallen. Und hierin liegt für mich ein kleiner Kritikpunkt: Würde ein Literaturprofessor nicht schon „aus Versehen“ komplexere, längere Sätze bilden und das eine oder andere Fremdwort verwenden? Ich hätte das erwartet. Andererseits spiegelt sich in der relativ schlichten Sprache eine Schüchternheit wider, die sehr zu Arthur passt.

Beeindruckt war ich von Moores Schilderungen der Lebenswelten ihrer Helden. Ich saß mit Arthur einsam und verzweifelt zwischen seinen vielen Büchern und umfangreichen Lebensmittelvorräten, ging mit Kel in die Highschool, zum Footballtraining und auf eine klebrige Party mit diversen Entgleisungen. Und litt gemeinsam mit beiden unter Nichtkommunikation, großen Unsicherheiten und dem Gefühl lähmender Hilflosigkeit.

Warum noch toll?

Viele Kernaussagen des Romans sind nicht unbedingt neu: Einsamkeit ist schlimm, selbstschädigendes Verhalten ist schlimm, den emotionalen Ballast der Eltern mit sich herumschleppen zu müssen, ist schlimm, ungleiche Startbedingungen ins Leben bzw. soziale Ungerechtigkeiten sind schlimm, Alkoholmissbrauch hat maximales Zerstörungspotenzial. Alles so weit bekannt. Aber das Buch ist mir trotzdem extrem nahe gegangen. So nahe, dass ich zwischendurch dachte, ich sollte vielleicht abbrechen. Besonders Kel in seiner Verlorenheit hat meinen Beschützerinstinkt geweckt. Solche Sorgen hatte ich mir bis dahin eigentlich nur um Theodore Decker aus Donna Tartts Der Distelfink gemacht (wobei dieser großartige Roman erst nach Der andere Arthur erschien und nur sehr bedingt mit ihm vergleichbar ist).

Da mir Kel so ans Herz gewachsen war, war ich umso erleichterter, dass das Buch mit einem Hoffnungsschimmer endet. Was ich daraus mitgenommen habe: Wer in Not ist, sollte sich nicht einigeln, sondern retten lassen. Und: Wer für andere sorgt, rettet sich im besten Falle gleich mit. Was für schöne, wichtige Gedanken.

Wem gefällt’s?

Der andere Arthur wartet noch nicht mit der gleichen erzählerischen Raffinesse und vielschichtigen Handlung auf wie Der Gott des Waldes. Dennoch lohnt sich die Lektüre sehr. Manche Aspekte – das Thema Einsamkeit und nicht zuletzt der Hoffnungsschimmer – erinnern an die Geschichte Ein Mann namens Otto, die ich in der Filmversion von 2022 kenne. Auch Der andere Arthur würde sich meines Erachtens gut für eine Verfilmung eignen. Der Roman ist etwas für Menschen, die melancholische Geschichten mögen und denen interessante Figuren und ihr Innenleben manchmal wichtiger sind als eine fesselnde Story.