Anna Katharina Hahn: Aus und davon (Suhrkamp)

Wer oder was ist eine gute Mutter?

Buchbesprechung von Julia Hartel

Buchcover des Romans Aus und davon von Anna Katharina Hahn

So viel vorweg

Kürzere Tage von Anna Katharina Hahn habe ich damals verschlungen. Dieser Showdown am Ende!! Die Titel, die danach kamen, habe ich aus irgendeinem Grund ausgelassen, aber der Sogwirkung von Aus und davon bin ich nun wieder voll erlegen. Hahn schafft es wirklich, dass man ihre Figuren nicht mehr aus dem Kopf kriegt.

Worum geht’s?

Cornelia, alleinerziehende Mutter von Grundschüler Bruno und Teenie-Tochter Stella, muss dringend mal raus. Sie reist von Stuttgart nach New York und von dort aus weiter nach Meadville, Pennsylvania, wo die Mutter ihrer Mutter in den 1920er-Jahren als Dienstmädchen bei Verwandten gearbeitet hat. Um Cornelias Kinder kümmert sich derweil Oma Elisabeth. Doch die hat ein frisch gebrochenes Herz: Ihr Mann Hinz, mit dem sie seit Jahrzehnten verheiratet ist und der gerade erst einen Schlaganfall überstanden hat, hat sie verlassen. Dass Bruno wegen seiner Gewichtsprobleme in der Schule gemobbt wird und die leicht aufmüpfige Stella schon ein ausgeprägtes Interesse an Jungs zeigt, stellt „Eli-Omi“ vor zusätzliche Herausforderungen. Derweil erfährt Cornelia in Meadville Dinge über Urgroßmutter Gertrud, die sie vielleicht lieber doch nicht gewusst hätte …

Stilistisches et cetera

Anna Katharina Hahn erzählt in ihrem neuen Roman aus verschiedenen Blickwinkeln: Cornelia, die ihre Reiseerlebnisse aufschreibt, tut dies in der Ich-Form. In den anderen Kapiteln wird Elisabeth und Bruno in der Sie-/Er-Form über die Schulter geschaut. Und dann ist da auch noch Gertruds alte, mit Linsen gefüllte Stoffpuppe („Linsenmaier“ genannt), dessen „Erinnerungen“ wiederum von Elisabeth niedergeschrieben werden.

In diese unterschiedlichen Rollen zu schlüpfen – inklusive Ausdrucksweise und Ton! – und sich dabei als Autorin fast vollständig zurückzunehmen, ist etwas, das Hahn meisterlich beherrscht. Insofern finde ich es auch schwierig, ihren Stil eindeutig zu beschreiben. Es ist einfach immer der Stil derjenigen Person, die gerade sprechend oder erlebend im Fokus steht. Dadurch erhalten die Figuren viel Tiefe und Authentizität. Besonders Cornelia findet oft eindrucksvolle Bilder: „Es versinkt alles in meiner Erschöpfung, wird von ihr aufgesogen, einer dunklen Masse, die ich mir schwer und warm vorstelle wie frisch angerührten Kleister. Sie füllt meine Glieder, verklebt meine Lider, stopft mich voll mit Gleichgültigkeit.“

Warum noch toll?

Weil es so leichtfällt, sich mit den Figuren zu identifizieren. Zum einen wirken sie, wie gesagt, ausgesprochen authentisch. Zum anderen ringen sie mit sehr aktuellen Problemstellungen: Was ist eine gute Mutter? Ist es legitim, auf Kosten anderer eigene Bedürfnisse durchzusetzen – und was sind die Konsequenzen? Bezogen auf Elisabeth, die unter ihrem pietistischen Erbe leidet, stellt sich die Frage: Welchen Wert hat Religion, wenn sie andererseits ein solches Potenzial besitzt, Menschen das Leben schwer zu machen? („Die Bibel liegt auf Elisabeths Zunge, sie kommt ihr zu den Ohren raus und hockt ihr schwer auf der Brust.“) Und nicht zuletzt geht es – jedenfalls implizit – um eine der wahrscheinlich ältesten Fragen der Menschheit: Was ist denn nun eigentlich Wahrheit?

An dieser Stelle sei allerdings betont, dass der Roman auf die genannten Fragen keine (letztgültigen) Antworten liefert – vermutlich, weil es nun einmal keine gibt. Auch werden manche Handlungsstränge nicht aufgelöst. Ich persönlich war deshalb kurz nach der Lektüre etwas unzufrieden, meine aber jetzt, mit etwas Abstand, dass die Geschichte gerade dadurch so glaubwürdig wirkt. Schließlich fühlt sich das wahre Leben auch oft genug irgendwie „unaufgelöst“ an.

Wem gefällt’s?

So banal es klingt, aber Aus und davon gefällt sicherlich zunächst einmal allen, denen Kürzere Tage gefallen hat. Ansonsten sei das Buch Lesebegeisterten empfohlen, die Familienromane mögen und gern ergründen, auf welche Weise und in welchem Maße unsere Vorfahrinnen und Vorfahren mitbestimmt haben, wer wir geworden sind.

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