Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Kein & Aber)

Rezension von Julia Hartel

Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert (Kein & Aber)

Wie gut kennst du deine engsten Vertrauten?

So viel vorweg

Es mag ein Armutszeugnis sein, aber wenn es um Literatur aus Israel geht, wäre mir bisher nur Ephraim Kishon eingefallen. Ihn habe ich als Jugendliche eine Zeit lang leidenschaftlich gern gelesen. Mit Wo der Wolf lauert habe ich meinen Lesehorizont nun endlich erweitert, und zwar auch in Sachen Aktualität. Denn die Kishon-Bücher waren ja, als ich jung war (lang ist’s her!), auch schon nicht mehr ganz taufrisch. Nun also eine topaktuelle israelische Neuerscheinung! Ins Deutsche übersetzt wurde der Text von Ruth Achlama.

Worum geht’s?

Lilach und Michael Schuster haben ihre kriegsgebeutelte Heimat Israel verlassen, um in den vermeintlich sicheren USA ihren Sohn Adam großzuziehen. Lange Zeit sieht es so aus, als hätten sie die perfekte Entscheidung getroffen: Adam scheint ganz behütet aufwachsen zu können, und durch Michaels hervorragend bezahlten Job in Palo Alto im Silicon Valley ist die Familie zu einigem Wohlstand gekommen. Doch dann wird auf die örtliche Synagoge ein Terroranschlag verübt. Die jüdische Gemeinde ist geschockt und zutiefst verunsichert. Adam, inzwischen 16 Jahre alt, nimmt an einem Selbstverteidigungskurs teil. Kurz darauf bricht auf einer Party ein muslimischer Mitschüler von Adam tot zusammen. In Lilach regt sich ein schrecklicher Verdacht: Hat Adam etwas mit diesem Todesfall zu tun? Und kann man eigentlich dem Leiter des Selbstverteidigungskurses, Uri Ziv, so blind vertrauen, wie Michael glaubt?

Stilistisches et cetera

Ayelet Gundar-Goshen lässt ihre Heldin Lilach all diese Geschehnisse, die eigenen Gefühle und auch ihr Umfeld scharfsinnig und schonungslos beschreiben:

Da, wo wir lebten, sagten die Menschen einander alles außer der Wahrheit. Der Kuchen, den du Freunden zum Abendessen mitbrachtest, war unweigerlich amazing, auch wenn du aus Versehen Salz statt Zucker reingeschüttet hattest. Und die Kinder waren immer wonderful, auch wenn sie schon einen Monat lang nicht mehr mit dir geredet hatten.

(S. 188)

Vor allem aber gelingt es der Autorin, der Leserschaft zumindest eine gewisse Einfühlung in die Ängste jüdischer Menschen vor antisemitisch motivierten Gewalttaten zu ermöglichen:

Wir gingen in ein italienisches Restaurant. (…) Mit einem Schlag fielen mir die Stadtbusfahrten in Haifa ein, zur Zeit der Terroranschläge, als jeder Zusteigende als potenzieller Terrorist galt. (…) Ich blickte nach rechts und links, achtete nervös auf jede Regung. Wo der Wolf lauert.

(S. 280 f.)

Trotzdem – und das hat mir mit am besten gefallen – findet in dem Roman keine Schwarz-Weiß-Malerei statt. Vielmehr klingt durch, dass potenziell toxische Ideologien vor keiner Personengruppe und keiner Landesgrenze haltmachen; dass sie besonders für junge Menschen unglaublich gefährlich sein können; und dass es somit verfehlt ist, in den Kategorien „Täter“ und „Opfer“ zu denken. Vielleicht steht der „lauernde Wolf“ letztlich gar nicht nur für den vermummten Attentäter mit der Machete, sondern auch für Hass, Gewalt und Krieg selbst, für die Abwesenheit von Toleranz und für jegliche Form von politischem oder religiösem Fanatismus.

Warum noch toll?

Weil die Geschichte bis zum Schluss spannend bleibt und die Figuren psychologisch sehr gut ausgearbeitet sind. Nicht nur in Bezug auf Uri, der schnell zu Adams großem Idol und zu einem engen Freund der Familie wird, taucht bald die Frage auf, wie gut man einen Menschen eigentlich kennen kann. Gemeinsam mit Lilach tappt man auch im Dunkeln, was Adams mögliche Verwicklung in den Tod seines Mitschülers angeht. Der mütterliche Schmerz darüber, dass sich der erwachsen werdende Sohn immer mehr ablöst und verschließt, die Angst, ihn ganz direkt zu fragen, was er weiß oder vielleicht getan hat – all das wird glaubwürdig vermittelt. Dwayne, ein Bekannter von Lilach, formuliert es so:

Weißt du, früher mal dachte ich, die größte Unbekannte im Leben seien unsere Eltern. Heute meine ich, die größte Unbekannte im Leben der Menschen sind ihre Kinder.

(S. 135)

Wem gefällt’s?

Wo der Wolf lauert ist eines der Bücher, die sich schwer mit anderen vergleichen lassen. Ich empfehle es Leserinnen und Lesern, die sich für das Thema Jüdisches Leben in den USA interessieren, sich für Psychogramme begeistern können und es auf sprachlicher Ebene lieber direkt als poetisch mögen.

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