Roman Ehrlich: Malé (S. Fischer)

Vom Paradies zum Lost Place

Rezension von Julia Hartel

„Malé“ von Roman Ehrlich.

So viel vorweg

Über Malé, das jüngste Werk von Roman Ehrlich, könnte man wahrscheinlich eine wissenschaftliche Abhandlung schreiben: Stoff zum Philosophieren und Diskutieren böte es genug. Aber ich habe nun mal versprochen, mich an dieser Stelle kurzzufassen. 😉 Im Folgenden also einige aus meiner Sicht wichtige Punkte – und in dieser Vorbemerkung nur noch der Hinweis: Malé ist definitiv nix für den Mainstream-Geschmack!

Worum geht’s?

Wie der Titel verrät, geht es um Malé, die Hauptstadt der Malediven, jedoch in einer düsteren, zeitlich nicht ganz genau definierten Zukunft; evtl. sind es die frühen 2070er-Jahre. Der Meeresspiegel ist so stark angestiegen, dass die Straßen der Stadt mitunter knietief von verseuchtem und vermülltem Wasser überflutet sind. Einwohner und Touristen sind geflüchtet, gewaltbereite Milizionäre haben die Regierung gestürzt und führen nun selbst das Regiment. Wie bereits einzelne umliegende Atolle wird auch die Hauptinsel früher oder später untergehen.

Trotz alledem treffen in Malé regelmäßig Neuankömmlinge ein: Menschen, die aus den verschiedensten Gründen ihren bisherigen Lebensverhältnissen entkommen wollten oder die im einstigen Paradies nach irgendetwas auf der Suche sind. Allerdings warten hier auf die meisten Aussteigerinnen und Aussteiger neue Schwierigkeiten, unter anderem bestimmte undurchsichtige Gesetze und Hierarchien innerhalb ihrer Community, gegenseitiges Misstrauen, eine gefährliche Droge, die in der Stadt kursiert, und nicht zuletzt der Umstand, dass immer wieder Personen spurlos verschwinden.

Stilistisches et cetera

Roman Ehrlich drückt sich gern sophisticated aus, indem er lange und oft verschachtelte Sätze baut, die einem beim Lesen vollste Konzentration abverlangen. Der meiner Beobachtung nach längste Satz geht über unglaubliche eineinviertel Seiten! Das muss man natürlich mögen, aber ich persönlich finde es ausgesprochen beeindruckend.

Was die Atmosphäre angeht, kam mir mehrmals die Beschreibung „kafkaesk“ in den Sinn – alles, was passiert, wirkt bedeutungsschwer, irgendwie unwirklich und trotzdem bedrohlich. Das gilt besonders für die Szene, in der der Inselarzt vorgestellt wird. Dieser ist offenbar hauptsächlich dafür zuständig, seinen Patienten und sich selbst Ziernarben beizubringen (genau, brrr). Aber auch insgesamt hat das vergiftete, dem Untergang geweihte Malé mit seinen verfallenden Gebäuden etwas von einer Kulisse für einen bösen Traum.

Warum noch toll?

Die Ausgestiegenen auf der Insel sind vermutlich zum größten Teil Intellektuelle, die sich für wahnsinnig reflektiert halten und nicht merken, dass sie sich die meiste Zeit ausschließlich um sich selber drehen. Mir gefällt die subtile Ironie, mit der diese Selbstverliebtheit vorgeführt wird.

Wie angenehm selbstironisch im Gegensatz dazu der Autor sein kann, zeigt sich an Stellen wie dieser, an der er den Lyriker Judy Frank sagen lässt: „Romanschriftsteller sind mir suspekt. Unter denen, die noch festhalten am Schreiben, sind sie fraglos die eitelsten. Diese schreckliche Geste des Geschichtenerzählens. Wer die Welt so wahrnimmt – als einen Haufen guter Geschichten –, dem sollte man eigentlich das Schreiben verbieten.“

Ganz in diesem Sinne ist Malé aber eben auch mehr als „Haufen guter Geschichten“ – wobei die Geschichten der einzelnen Protagonisten zweifelsohne gut sind. Für mich beinhaltet das Buch vor allem eine Warnung: vor den Folgen des ignoranten, ichbezogenen Handelns des Menschen, der seinen Individualismus, seine Suche nach der „blauen Blume“ (übrigens ein wichtiges Motiv im Roman!) oder seine persönlichen Wahrheiten kompromisslos über alles andere stellt. Das ist vielleicht im ersten Moment eine potenziell unerfreuliche Botschaft, aber man muss auch bedenken: Noch ist Malé nicht untergegangen! Noch bestünde also die Chance, dass Ehrlichs Dystopie sich nicht erfüllen muss …

Wem gefällt’s?

Zunächst einmal allen, die sich Gedanken über den Klimawandel machen und die ausbeuterischen Tourismus ablehnen. Abgesehen von diesem inhaltlichen Aspekt werden diejenigen die Lektüre genießen, denen kunstvolle Satzgebilde Freude bereiten.

2 Gedanken zu „Roman Ehrlich: Malé (S. Fischer)“

  1. Hallo Julia,
    dieses Werk passt ja ziemlich gut in diese Zeit und Weltlage… Ein Satz mit eineinviertel Seiten? Kaum zu glauben… für mich als erschöpfte Abendleserin vermutlich kaum nachvollziehbar – ich müsste ihn mehrmals lesen. Wahrscheinlich nimmt das Buch auch ein eher nachdenkliches Ende, solche Bücher gehen in der Regel nicht „gut“ aus… herzlichen Gruß, Anja

    1. Liebe Anja,
      nein, dass dieses Buch „gut“ ausgehen würde, kann wirklich niemand behaupten. Man will sich am Schluss kurz denken: „Zum Glück ist das alles nicht wahr!“ – und dann fällt einem wieder ein, wie gefährlich nah die Handlung an der Realität dran ist …
      Und den besagten „Bandwurmsatz“ muss ich übrigens auch öfter als ein Mal lesen. 😀
      Vielen Dank und liebe Grüße
      Julia

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