Doris Knecht: Die Nachricht (Hanser Berlin)

Rezension von Julia Hartel

Doris Knecht: Die Nachricht

Die dunkelste Seite von Social Media

So viel vorweg

Ich will ehrlich sein – nach den ersten paar Absätzen von Die Nachricht dachte ich: „O nee, was hab ich mir denn da ausgesucht?! Das ist ja schon wieder eine lebenserfahrene Ich-Erzählerin, die die ganze Zeit nur ihre Gefühle und ihre Beziehungen reflektiert!“ Doch der Verdruss währte kurz: Bereits wenig später hatte ich die Heldin nicht nur ins Herz geschlossen, sondern war auch absolut gefesselt von ihrer Geschichte – und ihrem rätselhaften Problem.

Worum geht’s?

Ruth Ziegler ist Drehbuchautorin und wohnt mit ihrem jüngeren Sohn Benni in einem Haus auf dem Land in der Peripherie Wiens. Ihr Mann Ludwig ist vor drei Jahren bei einem Skiunfall tödlich verunglückt. Sie hat diesen Schicksalsschlag einigermaßen verkraftet, ist durchaus patent, arbeitet fleißig, pflegt ihre Freundschaften, kümmert sich um ihre Stieftochter und deren Baby und ist ziemlich aktiv auf Social Media.

Plötzlich ploppt aus dem Nichts eine anonyme und sehr beunruhigende Nachricht im Postfach ihres Facebook-Accounts auf: „Weisst du eigentlich von der Affaire deines prächtigen Ehemannes?“ Obwohl Ruth tatsächlich davon weiß, bekommt sie Angst, zumal es nicht bei dieser einen Botschaft bleibt und bald auch ihre Freunde und Angehörigen auf diversen Kanälen verunglimpfende, hasserfüllte und beleidigende Nachrichten über sie erhalten. Bald kreist ihr Leben fast nur noch um eine Frage: Welche Person aus ihrem Umfeld schreibt ihr all diese furchtbaren Sachen?

Stilistisches et cetera

Grundsätzlich wird, ähnlich wie im kürzlich vorgestellten Daheim, wenig Wert auf eine besonders geschliffene Ausdrucksweise gelegt. Hier wie dort scheint es den Protagonistinnen wichtiger zu sein, genau hinzuschauen und die Dinge schonungslos beim Namen zu nennen. Das zeigt sich beispielsweise, wenn es um Ruths Bekannte Iris geht,

… die sich so sehr wünschte, dass ich wieder einen Kerl hätte, einen »Partner«, ein Wort, das ich nicht ertrug, weil in amerikanischen Kitschserien Väter ihre Söhne immer so ansprachen: Partner. Was sollte das? (…) Es regte mich jedes Mal auf. Iris wollte mich wieder als Teil eines Paars sehen, für Paarabende, und damit sich einer um mich kümmerte, und weil sie selber panische Angst davor hatte, allein zu enden.

(S. 229 f.)

Da in der Geschichte soziale Medien eine zentrale Rolle spielen, wird im Text logischerweise das entsprechende „Fachvokabular“ verwendet, das heißt, es wird darin ganz selbstverständlich „geblockt“, „geaddet“, „entfolgt“ etc. Die zum Teil verstörenden Nachrichten streut die Autorin immer wieder in den Text ein, wodurch gut zum Ausdruck kommt, in welchem Maß sie Ruths Gedanken beherrschen. Gelegentlich – etwa in den Dialogen – schimmert ein wenig der Handlungsschauplatz Österreich durch. Allerdings werden österreichische Wendungen und Begriffe auch nicht inflationär verwendet, sondern gerade so, dass es eh charmant ist. 😉

Warum noch toll?

Mit den Aspekten Stalking und psychische Gewalt in sozialen Medien verarbeitet Doris Knecht hochaktuelle Probleme und zeigt vor allem auf, wie schrecklich es ist, wenn Betroffene diesbezüglich nicht ernst genommen werden. Andererseits werden im Buch auch die positiven Seiten des Internets herausgestellt: das Netz als Ort des Austauschs, als Inspirationsquelle, als Chance, Schwarmintelligenz zu nutzen und den eigenen Horizont zu erweitern.

Ähnlich differenziert beschreibt der Roman, obwohl er klar der feministischen Literatur zuzuordnen ist, wie herausfordernd beispielsweise eine gleichberechtigte Rollenverteilung in einer Partnerschaft sein kann. Dies trifft selbst auf Ruth und Ludwig zu, die in dieser Hinsicht nach außen hin immer ausgesprochen modern aufgetreten sind:

In der Unsichtbarkeit unseres Hauses fand Ludwig, dass es einer Frau, die den ganzen Tag herumsaß und schrieb, nicht schaden könnte, davon mal Pause zu machen, Kochpause, Aufräumpause, Kloputzpause. Es nervte mich, dass er meine Arbeit und damit mich nicht ernst nahm, mehr noch: Es machte mich wütend. (…) Nach Ludwigs Tod wurde mir das Ordnungmachen, das ich ihm zu seinen Lebzeiten nicht gegönnt hatte, zur Gewohnheit.

(S. 110 f.)

Wem gefällt’s?

Die Nachricht ist ein spannendes Buch und dürfte außerdem allen zusagen, denen der Schutz von Frauen – online wie offline – ein wichtiges Anliegen ist und die sich gern kritisch, aber differenziert mit Social Media auseinandersetzen.

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