Mariana Leky: Kummer aller Art (DuMont)

Rezension von Julia Hartel

Buchcover „Kummer aller Art“ von Mariana Leky

Ein Bändchen voller Kunstwerke

So viel vorweg

Meine Lieblingsautorin Mariana Leky hatte so lange kein neues Buch mehr herausgebracht, dass ich schon ganz zappelig war. Umso tragischer, dass ich Kummer aller Art dann gleich wieder in gefühlten 20 Minuten durchgelesen hatte. Dazu muss aber gesagt werden, dass es sich diesmal nicht um einen 300-Seiten-Roman, sondern um einen (leider!) eher schmalen Band mit einer Sammlung literarischer Kolumnen handelt, die die Autorin erstmalig in Psychologie Heute veröffentlicht und für die Buchausgabe überarbeitet hat.

Worum geht’s?

Leky erzählt in ihren Texten von Gesprächen und Erlebnissen mit Menschen aus ihrem Freundeskreis, ihrer Verwandtschaft und Nachbarschaft. Im Zentrum steht jeweils ein psychologisches Thema: Einmal tauscht sie sich mit ihrer Nachbarin Frau Wiese über die Unannehmlichkeiten der Schlaflosigkeit aus, dann wieder erzählt ihr Freund Tobias ihr von seinem Zwang, vor jedem Verlassen des Hauses zwölf Mal den längst ausgeschalteten Herd kontrollieren zu müssen. Ab und zu geht es um Begegnungen mit Fremden, etwa mit einem Orthopäden, von dem sich die Autorin sehnlichst eine Schmerzspritze wünscht, der ihr aber stattdessen mit hintergründigem Lächeln und überschaubarem Therapieerfolg nur empfiehlt, in ihr lädiertes Knie „hineinzuspüren“.

Anders als man vermuten könnte, hat Leky selbst gar keine psychologische Ausbildung, sondern eine Buchhandelslehre und ein Kulturjournalismusstudium absolviert. Dafür scheint jedoch ihre halbe Verwandtschaft aus Psychotherapeutinnen und Analytikern zu bestehen – ein Umstand, den man vermutlich erst mal verarbeiten muss. 😉

Stilistisches et cetera

Eine unterhaltsame und handwerklich gut gemachte Kolumne wird ja in Zeitschriften häufig als Erstes gelesen. Jedenfalls mache ich das so, und wäre ich eine regelmäßige Leserin von Psychologie Heute, hätte ich es in diesem Fall definitiv getan! Jede Geschichte stellt ein in sich rundes kleines Kunstwerk dar, vorbildlich entlang des obligatorischen roten Fadens erzählt und gern mit einer auf den Textanfang bezogenen Schlusspointe garniert.

Auch im Detail trifft die Autorin mit ihrer Art, sich auszudrücken, mit dieser Mischung aus Melancholie und Witzigkeit, meinen Lesegeschmack wieder zu 100 Prozent. Ebenso lakonisch wie geschliffen beschreibt sie die Qualen durchwachter Nächte, in denen unter Umständen nicht nur echte unbezahlte Rechnungen das Gedankenkarussell antreiben:

In schlaflosen Nächten wimmelt es von Mahnungen, sie segeln von oben aufs Bett herunter und sind ohne Unterschrift gültig. Leider haben Sie trotz mehrfacher Aufforderung die Muskelaufbauübungen für den unteren Rücken erneut nicht gemacht. Leider haben Sie es zum wiederholten Mal versäumt, Ihre unglückliche Tante Traudl zurückzurufen. […] Leider haben Sie es trotz mehrfacher Mahnungen versäumt, nicht alles falsch zu machen.

(S. 17)

Jaja, Mahnungen dieser Art haben vermutlich die meisten von uns schon mal erhalten …

Was gibt es noch zu sagen?

Erst durch die Textsorte Kolumne ist mir klargeworden, wie sehr mich Mariana Leky an den ebenfalls verehrungswürdigen Axel Hacke erinnert. Seine Werke, etwa die Kolumnensammlung Das Beste aus meinem Leben, sein Deutschlandalbum oder die Wumbaba-Reihe, sind von einer ganz besonderen Schreibe geprägt, die journalistisch präzise, mitunter flapsig und im nächsten Moment fast wieder übertrieben elaboriert daherkommt. Siehe Leky: Frau Wiese und sie sitzen übermüdet im Treppenhaus „wie zwei windschiefe Eulen“, aber die Unpünktlichkeit der Deutschen Bahn löst bei ihr nicht einfach „Stress“, sondern eine „kapitale Unrast“ aus. Das könnte so oder ähnlich auch von Hacke stammen.

Ach so, da ich gerade schon beim Erinnern bin: Kummer aller Art erinnert nicht zuletzt an Leky selbst. Genauer gesagt hat ihr Nachbar Herr Pohl eventuell einiges mit dem Optiker aus Was man von hier aus sehen kann gemeinsam, während mich die Beschreibungen von Therapiemaßnahmen zur Bekämpfung von Angststörungen an Szenen aus Erste Hilfe denken ließen. Und da ich diese Bücher so mag, waren das logischerweise ausgesprochen angenehme Erinnerungen.

Wem gefällt’s?

Das ist eigentlich schon beantwortet: Mariana-Leky-Fans, Axel-Hacke-Fans und allen, die in Zeitschriften immer zuerst zur Kolumne blättern – sofern sie richtig gut ist.

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