Joachim B. Schmidt: Kalmann (Diogenes)

Der beste Gammelhai in ganz Island

Rezension von Julia Hartel

„Kalmann“ von Joachim B. Schmidt

So viel vorweg

Vor einigen Jahren hatte ich eine ausgeprägte „Krimi-Phase“. Meine Lieblinge damals: Simon Beckett, Henning Mankell und Peter James. Im Laufe der Zeit (das ist mir gerade bei der Beschäftigung mit der Thriller-Anthologie für den letzten Post wieder klar geworden) hat sich mein Geschmack in diesem Bereich jedoch eindeutig verändert: sozusagen weg von „klassisch“ hin zu „anders/besonders“.

Aus diesem Grund hat mich Kalmann sehr begeistert. Das Buch ist im Hinblick auf die Kernhandlung ein Krimi, trägt aber klugerweise die Bezeichnung „Roman“. Denn so gut und spannend der Krimi-Plot gestrickt ist – in der Geschichte steckt noch viel mehr. Und sie ist ziemlich „anders“!

Worum geht’s?

Kalmann Óðinsson, Haifischfänger und Jäger aus dem isländischen Dorf Raufarhöfn, findet in der Nähe des Freiluftkunstwerks Arctic Henge eine Blutlache im Schnee. Recht schnell wird klar, dass das Blut zu Róbert McKenzie gehört, der das örtliche Hotel sowie sämtliche Fischfangquoten besitzt und seit Kurzem vermisst wird. Bald wimmelt es im Dorf von Polizisten und Suchtrupps – was könnte Róbert zugestoßen sein?

Kalmann, auch „Kalli“ genannt, bereitet die ganze Sache gewaltigen Stress. Ihm ist es lieber, wenn die Dinge ihren gewohnten Gang gehen. In Raufarhöfn hat er seinen Platz, obwohl manche Menschen in ihm den „behinderten Dorftrottel“ sehen. Er weiß, dass er nicht so ist wie die meisten Leute. Aber er macht den besten Gammelhai im ganzen Land, und er kann eine genaue Karte Islands aus dem Kopf zeichnen! Außerdem hat er sich all die wichtigen Dinge gemerkt, die ihm sein Großvater über das Leben und die Jagd beigebracht hat. Ab und an ist er allerdings „irgendwie nicht ganz bei der Sache“ und ein bisschen vergesslich. Und so fragen sich nicht nur die Ermittlerin Birna und das Lesepublikum, ob die Blutlache wirklich alles war, was Kalli gesehen hat – sondern er fragt es sich auch hin und wieder selbst.

Stilistisches et cetera

Joachim B. Schmidt lässt seinen knapp 34-jährigen Helden und Ich-Erzähler zumeist relativ einfache Worte wählen:

Draußen kam ein mordsmäßiger Jeep mit Reifen so groß wie Erstklässler angebraust und hielt schaukelnd neben uns an.

(S. 85)

Manche Formulierungen sind einfach nur köstlich:

Und plötzlich erschien ich auf dem Fernsehbildschirm (…), und ich war gar nicht zufrieden. Ich guckte richtig bescheuert, als hätte ich ein warmes Spiegelei unterm Hut, und man sah auch, dass ich nicht gut drauf war, völlig genervt, misstrauisch.

(S. 125)

Nicht selten sind Kallis scheinbar schlichte Gedanken von größerer Schönheit und Weisheit als alle Äußerungen der „normalen“ Bewohner Raufarhöfns zusammen:

…, denn wir Menschen sind doch irgendwie alle gleich und gar nicht so verschieden, wie man glaubt.

(S. 330)

Der umgangssprachliche Ton findet sich freilich nicht auf allen rund 350 Seiten. Vielmehr gibt Kalmann beispielsweise in perfekter indirekter Rede Gesprächsinhalte wieder, verwendet Fremdwörter usw. Streng genommen sind solche Brüche in stilistischer Hinsicht ja nicht 100-prozentig konsequent, doch wahrscheinlich würde die Lesefreude ab irgendeinem Punkt nachlassen, hätte Schmidt die simple Ausdrucksweise von Anfang bis Ende durchgezogen.

Dass die Story so spannend daherkommt, ist übrigens fast etwas erstaunlich. Das Erzähltempo ist nämlich vergleichsweise langsam und es gibt viele Rückblenden, in denen Kalli die oft erniedrigenden Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend, aber auch die liebevolle Beziehung zu seinem inzwischen teilweise dementen Großvater reflektiert. Die Überraschungsmomente sind wohl einfach clever platziert. Unter anderem erschrickt man immer mal wieder, wenn Kalli, der meist so sanftmütig wirkt, plötzlich doch seine Wut nicht mehr im Griff hat. Ausgesprochen geschickt, wie der Autor so den Verdachtsfunken im Lesergehirn am Glimmen hält …

Warum noch toll?

Ich kenne Island bisher leider nur vom Flugzeugfenster aus. Trotzdem glaube ich, dass Schmidt (der als gebürtiger Schweizer 2007 nach Island ausgewandert ist) ein überaus realitätsnahes Bild der Handlungsschauplätze zeichnet. Jedenfalls beschreibt Kalmann sein Dörfchen und dessen Architektur, die es umgebende Landschaft, die Wetter- und Lichtverhältnisse und nicht zuletzt das Meer so anschaulich, dass ich beim Lesen ein ungewöhnlich starkes Gefühl hatte, mit vor Ort zu sein.

Und dann ist da noch das oben angesprochene „Mehr“, das in Kalmann steckt und das in der Verarbeitung wichtiger Fragen besteht, zum Beispiel: Wie lässt sich der Benachteiligung von auf dem Land lebenden Menschen entgegenwirken (die sich im konkreten Fall in einer ungerechten Verteilung von Fischfangquoten äußert)? Und vor allem: Wie gehen wir, nicht zuletzt im Bildungsbereich, mit Personen mit Handicap um?

Wem gefällt’s?

Das ist in Bezug auf Kalmann gar nicht so leicht zu beantworten. Mir ist, selbst nach längerem Überlegen, kein Buch eingefallen, in dem man einen vergleichbaren Schreibstil in Kombination mit einem solchen Plot vorfinden könnte. Der Roman ist in der Tat etwas Besonderes. Aber eins ist klar: Wer Island mag, sollte ihn definitiv lesen. 🙂

[Vielen Dank an die Diogenes Verlag AG für die Zusendung des Rezensionsexemplars!]

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