Franziska Gänsler: Orca – Ursula Poznanski: Canvas

Rezensionen von Julia Hartel

Zwei Romane vom selben (zu heißen!) Planeten

Nachdem mich mehrere Monate lang kein Buch mehr so richtig gepackt hatte, konnte ich mich dann ganz unverhofft über zwei inspirierende Leseerlebnisse nacheinander freuen. Deshalb diesmal ein zweigeteiltes Posting zu zwei sehr unterschiedlichen Romanen, die jedoch mehrere Gemeinsamkeiten aufweisen.

Franziska Gänsler: Orca (Kein & Aber)


Worum geht’s?

Cora und Olympia, Freundinnen aus Kindertagen und jetzt fast erwachsen, schließen sich während der Coronapandemie einer Klimaaktivistengruppe an. Weil ihnen deren friedlicher Widerstand nicht weit genug geht, gründen sie mit zwei weiteren Personen eine Art Untergruppe, die ihren eigenen Prinzipien folgt: „Orca“. All dies wird jedoch in der Rückschau erzählt; seit Coras und Olympias Wiedersehen sind fast drei Jahre vergangen, Olympia ist in Haft, und Ich-Erzählerin Cora arbeitet an der Fleischtheke im Supermarkt. Was genau ist damals vorgefallen?

Warum toll?

An Orca hat mich vor allem die Zeichnung der Hauptfigur Cora überzeugt. Ehrgeizig und hochintelligent, wie sie ist, steht ihr die Welt offen – aber was für eine Welt? Pandemie und Klimakrise stellen alles infrage. Was also ist noch wichtig, was ist richtig, wer will man sein, wer sollte man sein? Wonach sollte man streben, wofür oder wogegen kämpfen? Cora weiß es nicht und versucht deshalb vor allem eines: nicht allein zu sein. Gebeutelt von Selbstzweifeln tut sie alles, um zu gefallen. Von Zeit zu Zeit entlädt sich die Spannung in Gewalthandlungen.

Die Autorin fängt mit ihrem Buch nicht nur die Coronajahre, sondern auch und vor allem die immense Unsicherheit der Generation Corona treffend ein – eine Unsicherheit, die angesichts der irrsinnigen Zeiten, in denen diese Spätgeborenen aufwachsen und sich zurechtfinden müssen, mehr als nachvollziehbar ist. 

Zudem baut Gänsler die Handlung klug auf und hält die „Auflösung“ bis zuletzt zurück, sodass man nur so durch die Seiten fliegt. Die Dialoge spiegeln sehr authentisch die Jugendsprache der letzten Jahre wider, während die erzählenden Passagen bei aller Flapsigkeit immer wieder voller Tiefe und Ästhetik sind. Müsste ich einen Kritikpunkt benennen, würde ich Coras Gewaltbereitschaft hinterfragen, da diese meiner Meinung nach nicht so recht mit ihrem familiären Hintergrund zusammenpasst.

Neben den Themen Selbstfindung, Corona und Klimakrise spielen im Buch auch Gesellschaftskritik und People-Pleasing eine wichtige Rolle; außerdem ging mir in manchen Szenen der Begriff Female Rage durch den Kopf. Der Roman ist für den Deutschen Buchpreis nominiert bzw. steht aktuell sogar auf der Shortlist. Mal sehen, was daraus wird!

* Und jetzt wirklich Poznanski? – Ja, wirklich! Nicht weiter überraschend bei einer, die ohne jedes Wimpernzucken Perhaps von Doris Day, Mendelssohns Op. 12 und Toxic von Britney Spears durcheinander anhört … 😉 *

Ursula Poznanski: Canvas (Loewe)


Worum geht’s?

Im 22. Jahrhundert hat sich der Planet Erde so stark aufgeheizt und die Ressourcen sind so knapp geworden, dass die Menschen den Großteil ihrer Lebenszeit in Computersimulationen verbringen. Schon im ersten Teil dieser Geschichte, Cryptos, haben wir Jana Pasco kennengelernt, die als Weltendesignerin entsprechende Simulationen gestaltet. Dabei musste sie feststellen, dass der Techkonzern, für den sie arbeitet, nichts Gutes für die Menschen im Sinn hat. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie Lauritz, den Firmenboss, vorerst unschädlich gemacht. Ein Jahr später meldet das System plötzlich wieder Unregelmäßigkeiten: Ungewöhnlich viele Leute scheinen einfach zu verschwinden. Jana will unbedingt herausfinden, was es damit auf sich hat. Und so beginnt für sie erneut ein Wettlauf durch die Welten …

Warum toll?

Canvas steckt – genau wie zuvor schon Cryptos – voll so vieler unfassbar guter Ideen, dass es im Kopf vor lauter Kulissenbauen nur so knistert. Besonders die genannten Welten machen wirklich und wahrhaftig Lust, sich wenigstens ab und zu in eine Kapsel zu legen und ins Virtuelle abzutauchen. Erfreulich fand ich auch, dass im Vergleich zum ersten Band genug neue Handlungselemente enthalten sind und dass wieder gelungene Plot-Twists eingebaut wurden, die beim Lesen für Überraschungen sorgen – das Konstruieren spannender Plots ist meines Erachtens Poznanskis große Stärke.

Der inhaltliche Tiefgang kommt dabei nicht zu kurz: Neben den Folgen der Erderwärmung, die den alles bestimmenden Hintergrund der Geschichte bildet, geht es unter anderem um Themen wie Freundschaft und Integrität. Nicht zuletzt ist Canvas jedoch ein sozialkritisches Buch: Wer hat es verdient, angesichts so knapper Ressourcen weiterzuleben? Nach Meinung der Reichen und Mächtigen im Buch eigentlich nur sie selbst. In dieser Hinsicht weckt der Roman also keine großen Zukunftshoffnungen.

Dennoch macht die Geschichte Spaß! Angesichts so guter Unterhaltung verzeiht man es sogar, dass beim großen Showdown etwas dick aufgetragen wird. Das eigentliche Ende wiederum ließ mich kurz schlucken und erneut an Female Rage denken – na ja, zumindest im allerweitesten Sinne …

Sprachlich ist das Buch übrigens nicht mit dem oben besprochenen Titel Orca zu vergleichen, da es ab 14 Jahren empfohlen ist und somit sicherlich ganz bewusst ohne größere Anstrengungen lesbar sein soll.

Wem gefallen die Bücher?

Obwohl die vorgestellten Romane ihre Gemeinsamkeiten haben – besonders ihren spannenden Aufbau, die Sozialkritik und die Thematisierung der Klimakrise –, ist es eher unwahrscheinlich, dass beide allen Bücherfans gleich gut gefallen. Wer Gelbe Monster von Clara Leinemann interessant fand, wird vermutlich auch Orca gern in die Hand nehmen. Canvas wiederum gefällt Fans von Science-Fiction. Aber wer weiß: Vielleicht bin ich ja nicht die einzige Exotin, die beide Titel gut findet? Wer ähnlich empfindet, möge sich bitte outen! 😀

Juli Zeh: Über Menschen (Luchterhand)

Rezension von Julia Hartel

Rückblick auf die Gegenwart

Juli Zeh: Über Menschen

So viel vorweg

Dass ich Juli Zeh mag, hat mehrere Gründe. Der Hauptgrund ist wahrscheinlich: Man weiß immer von der ersten Seite an, dass etwas Krasses passieren wird. Selbst hinter der ausführlichsten Rückblende lauert die Story, hält das Hirn in Alarmbereitschaft und lässt in Bezug auf den Ausgang absolut keine Gewissheiten aufkommen. So auch in Über Menschen.

Worum geht’s?

Deutschland im Frühling 2020. Werbetexterin Dora hat es mit ihrem Freund Robert in der gemeinsamen Berliner Wohnung nicht mehr ausgehalten. Schon vor einigen Monaten hat sie sich still und heimlich in der brandenburgischen Provinz ein altes Gutsverwalterhaus mit riesigem Grundstück gekauft. Als aus dem fanatischen Klimaschützer Robert auch noch ein ebenso fanatischer „Corona-Polizist“ geworden ist, hat sie ihre sieben Sachen und ihre Hündin Jochen [sic! :-D] zusammengepackt und ist umgezogen.

Allerdings will sich auch in der ländlichen Idylle des fiktiven Dörfchens Bracken keine Entspannung einstellen. Das hat nicht zuletzt mit Doras neuem Nachbarn Gottfried Proksch zu tun, der sich ihr mit den Worten „Ich bin hier der Dorf-Nazi“ vorstellt. Was genau sich zwischen den beiden entwickelt, sollten Interessierte unbedingt selbst lesen, aber so viel sei schon mal verraten: Eine romantische „Boy meets Girl“-Geschichte ist es nicht.

Stilistisches et cetera

In sprachlicher Hinsicht bleibt Zeh dem Stil ihrer letzten Werke treu: Der Ausdruck ist klar, jedes Wort sitzt am rechten Platz, keine Unebenheit stört den Lesefluss. Ich war wieder sofort mitten im Geschehen und konnte nur staunen, wie schnell mir die ungelesenen Seiten dünn wurden.

Sprachbilder werden sorgfältig dosiert; häufig sind sie in Naturbeschreibungen anzutreffen:

In schrägen Balken lehnt das Licht an den Kiefern; ein Greifvogel segelt lautlos zwischen den Stämmen. Es raunt und wispert. Zauberwesen.

(S. 165)

In vollen Zügen genossen habe ich Dialoge wie diesen:

»Gote«, sagt der Nachbar.
Irritiert schaut Dora zur Straße, ob sich irgendetwas nähert, das diese Bezeichnung verdient.
»Gote«, wiederholt der Nachbar nachdrücklich, als wäre Dora schwerhörig oder jedenfalls schwer von Begriff. (…)
»Westgote oder Ostgote?«, fragt Dora.
»Gote«, sagt er noch einmal. »Wie Gottfried.«
Ein bisschen fühlt sich das an wie die Kommunikation zwischen Robinson und Freitag, nur ohne zu wissen, wer Robinson und wer Freitag ist. Auch Dora hebt einen Zeigefinger und deutet auf sich selbst.
»Dora«, sagt sie. »Wie Dorf-Randlage.«

(S. 44)

Dora ist als Figur überhaupt ausgesprochen gut gelungen. Ihr Humor, ihr beständiges nervöses Reflektieren, ihr Streben nach Autonomie, ihre Zerrissenheit, ihre Sehnsucht nach Spiritualität, ihr Abscheu gegen Rechtsextremismus, ihre Suche nach Wahrheiten und die plötzliche Klarheit, mit der sie manche Dinge sieht – all das wird sehr glaubwürdig vermittelt, sodass es leichtfällt, sich mit ihr zu identifizieren. In vielem, was Zeh sie über Politik, die Gesellschaft und das Leben denken lässt, kann ich ihr nur zustimmen.

Warum noch toll?

So harmonisch und mühelos sich die Wörter und Sätze ineinanderfügen, so herausfordernd ist ihr Inhalt – auch bei diesem Prinzip bleibt sich die Autorin treu. Ohne Scheuklappen wird herausgearbeitet, wie kompliziert die Welt ist und wie schwer sich vor allem definieren lässt, wie man denn nun eigentlich „richtig“ handelt. Letztlich erweist sich die Menschlichkeit als Antwort auf viele Fragen. Eine der Schlüsselstellen für mich: Doras Erkenntnis, dass die Aussage „Ich bin besser als du“ die Wurzel allen Übels darstellt. Und zwar auch dann, wenn eine Linksliberale sie an einen Nazi richtet.

Doch noch ein Kritikpunkt …

Im Roman tauchen so ziemlich alle Aspekte und Begriffe auf, die im Zusammenhang mit Corona durch die Medien gegangen sind. Zwischendurch kam mir das etwas angestrengt vor, so als wäre beim Schreiben eine Art Checkliste abgehakt worden, um wirklich eine vollständige Chronik zu produzieren. Besonders die alleinerziehende und entsprechend erschöpfte Mutter Sadie wirkte auf mich wie einem Porträt auf Spiegel online entsprungen; hier hätte ich mir mehr Juli-Zeh-typischen Einfallsreichtum gewünscht. Aber vielleicht ist in dieser Hinsicht nur die zeitliche Nähe das Problem. Mit ein paar Jahren Abstand wird man vermutlich ein Schlagwort wie „Notbetreuung“ lesen und denken: „Ach ja, so war das damals! Gut, dass das jemand aufgeschrieben hat.“ 😉

Wem gefällt’s?

Allen, die es interessiert, wie zeitgenössische Literaturschaffende aktuelle Probleme künstlerisch verarbeiten. Juli-Zeh-Fans werden Über Menschen sowieso kennenlernen wollen. Wer unsere Corona-Gegenwart im Moment als große Belastung empfindet, sollte aber besser noch etwas mit der Lektüre warten – und das Buch eines Tages als echten Rückblick lesen.

[Vielen Dank an Penguin Random House für das Rezensionsexemplar!]