Buchblog

Susanne Neuffer: Im Schuppen ein Mann. Erzählungen (MaroVerlag)

Spinnenbeinige Wörter und ein Zauberkleid

Buchbesprechung von Julia Hartel

So viel vorweg

Susanne Neuffer ist gebürtige Nürnbergerin; trotzdem bin ich erst vor nicht allzu langer Zeit auf sie aufmerksam geworden, und zwar durch den Adventskalender des Deutschen Buchpreises auf Facebook. Von 1. bis 24. Dezember wurde dort wieder jeden Tag von einer anderen Person aus der schreibenden Zunft je ein Buch einer Kollegin oder eines Kollegen empfohlen. Im Schuppen ein Mann war der – in knappe Worte gekleidete – Tipp von Anke Stelling. Mein Gehirn legte gleich los: „Was für ein Mann? Und wieso im Schuppen??“ Der Titel funktionierte also schon mal. 😉 Und in der Tat fand ich auch innen jede Menge gelungener Stellen zum Anstreichen …

Worum geht’s?

Der Band ist eine Sammlung von Erzählungen, daher geht es logischerweise um viele verschiedene Themen und Charaktere. Obwohl – manches haben die Charaktere auch gemeinsam. Der Zollbeamte, der seinen ehemaligen, an Demenz erkrankten Professor bedauert, sich aber selbst an keinen Tag des Jahres 2015 erinnern kann; Jutta, die ihre Tochter an deren Arbeitsplatz in der russischen Arktis besucht und sich dort doch nur lästig fühlt; Darius, der sich auf dem Sommerfest seiner früheren Firma deplatziert vorkommt und dann auch noch merkt, dass er damals das vielleicht Wichtigste übersehen hat; nicht zuletzt der titelgebende Mann im Schuppen: Sie alle sind sich ihrer selbst nicht sicher, schlingern auf der Metaebene herum, bleiben hängen an Dingen, die unwiederbringlich zu Ende gegangen sind (bzw. gerade zu Ende gehen oder sehr bald zu Ende gehen werden). Etliche Menschen in der zweiten Lebenshälfte sind darunter, Männer und Frauen, die sich über ihre erwachsenen Kinder wundern, alte 68-er, Schriftsteller und Pseudoschriftstellerinnen, Verschwörungstheoretiker. Sie sind alle ein bisschen schräg und so ziemlich das Gegenteil von oberflächlich, und womöglich kann ich einige von ihnen gerade deshalb so gut leiden. 🙂

Stilistisches et cetera

Dass die Geschichten bei allem Tiefgang nicht zu schwer werden, haben sie Susanne Neuffers leicht melancholischem Witz zu verdanken. Hier eine klitzekleine Kostprobe aus „Vorrat“, einer Miniatur über einen Abend unter Autoren: „Wir hatten gegessen, gelacht, getrunken, gelesen, geredet (…). Die Schrecken hatten sich ein wenig zurückgezogen, saßen wahrscheinlich auf den Bücherregalen rings umher und baumelten mit ihren Spinnenbeinen (der Gipfel, die Pest, die Wörter auf -ierung). Einen Abend lang waren wir uns sicher gewesen, dass es unser Beruf sei, die Schrecken zu bannen.“ Spinnenbeinige Wörter! Ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Vergleichbares gelesen zu haben. Und ähnlich tolle Ecken gibt es immer wieder. Um es also noch mal zu sagen: Sprachlich hat mich das Buch stellenweise tief beeindruckt.

Warum noch toll?

Susanne Neuffer hat ihre Geschichten zu ungleichen Teilen vier Hauptüberschriften zugeordnet: „Im Schuppen ein Mann“, „Applaus Applaus“, „Wenn das Pferd ruft“ und „Sterne unter dem Jackett“. Auch die Erzählungen selbst sind ganz unterschiedlich lang: die kürzesten nur eine oder zwei Seiten, die längste ca. 15 Seiten. Sämtliche Erzählperspektiven sind vertreten. Diese Vielfalt allein macht die Sache schon spannend. Und dann sind da eben, wie gesagt, all die verschiedenen Settings und Charaktere, bei deren Entwurf Susanne Neuffer großen Einfallsreichtum beweist.

Mein Favorit ist „Das Kleid“: Eine Künstlerin leiht sich für eine Vernissage ein viel zu edles Kleid aus und scheint sich darin plötzlich in eine andere zu verwandeln – bis am nächsten Morgen die große Verwirrung eintritt. Und „Im Schuppen ein Mann“ hat mich ebenfalls sehr in seinen Bann gezogen: Berührend, wie sich darin zwei einsame Menschen nicht sagen können, wie sehr sie einander brauchen.

Generell – und jetzt kommt doch noch so etwas Ähnliches wie leichte Kritik – gefallen mir die Erzählungen am besten, die eine Pointe oder wenigstens einen klaren (gern auch offenen!) Schluss haben. Bei manchen von ihnen scheint die Handlung hingegen ein wenig im Sande zu verlaufen oder zumindest „nirgendwo hinzuführen“. Teilweise muten sie an wie Skizzen oder wie Fragmente aus einem größeren Roman; in diesen Fällen würde man oft gern mehr über die Heldinnen oder Helden erfahren oder wissen, wie das Ganze weitergehen könnte. „Radio Vernunft“ wäre hierfür ein Beispiel: Hier wird eine eigentlich geniale Idee entwickelt, aber die Geschichte ist einfach irgendwann zu Ende. Dabei ist mir natürlich klar, dass in einer Kurzgeschichte nicht so viel Entwicklung stattfinden kann wie in einem Roman; und es ist auch klar, dass dieser Wunsch nach einer Pointe etwas sehr Subjektives ist. Es handelt sich hierbei schlichtweg um meinen persönlichen Geschmack.

Wem gefällt’s?

Diese Frage ist im Falle von Im Schuppen ein Mann relativ schwer zu beantworten. Aus meiner Sicht ist das Buch das Richtige für Leserinnen und Leser, …

  • die keine Action brauchen, sondern es leise und hintergründig mögen,
  • die der Fassade unserer Welt nicht trauen, sondern vorzugsweise hinter die Dinge blicken,
  • für die es auch mal eine Momentaufnahme sein darf und
  • die es gut aushalten können, einen interessanten Charakter, über den sie vielleicht gern mehr erfahren hätten, schnell wieder ziehen lassen zu müssen.

Juli Zeh: Leere Herzen (Luchterhand)

Deutschland im Jahr 2025

Buchbesprechung von Julia Hartel

So viel vorweg

In allen vier Titeln von Juli Zeh, die ich bisher gelesen habe, geht es ans Eingemachte, was mir durchaus zusagt; Leere Herzen (2017) hat mich von den vieren jedoch am meisten gefangen genommen. Vielleicht, weil die gesellschaftspolitischen Bezüge dieses Romans besonders realistisch erscheinen. Oder weil man eine solche innere Spannung in Bezug auf seine Protagonisten empfindet: Von deren Handlungen fühlt man sich einerseits abgestoßen, merkt aber andererseits, dass hier letztlich nur ein recht weit verbreiteter Gedanke konsequent ausgelebt wird – der Gedanke, dass die Kategorien Richtig und Falsch reine Illusion seien. Und so stellt man sich beim Lesen schaudernd die Frage: „Könnte es womöglich sein, dass es – heute oder in Zukunft – tatsächlich solche Menschen gibt??“

Worum geht’s?

Wir befinden uns im Jahr 2025. Britta Söldner lebt mit ihrem Mann und ihrer siebenjährigen Tochter in Braunschweig. Dass es ihr finanziell ausgezeichnet geht, hat sie dem Erfolg ihres Unternehmens zu verdanken: „Die Brücke“ heißt die Firma, die sie gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Babak Hamwi aufgezogen hat. Auf den ersten Blick handelt es sich dabei um eine Anlaufstelle für potenziell selbstmordgefährdete Menschen – von denen es in jener pragmatischen, in Bezug auf Werte oder gar Glauben völlig orientierungslosen und desillusionierten Gesellschaft leider eine ganze Menge gibt. Doch dass die „Brücke“ verzweifelten Klientinnen und Klienten Hilfe anbietet, ist nur die halbe Wahrheit. Und zudem bekommen Britta und Babak plötzlich (tod‑)ernst zu nehmende Konkurrenz.

Stilistisches et cetera

Juli Zeh ist schon so ein Phänomen: Als Juristin und Schriftstellerin hat sie mal eben zwei Berufe. Und das, obwohl sie in meinen Augen schon in puncto Schreiben genug Talent für zwei besitzt. Es ist fast ein bisschen gemein, was manche Leute alles können. Ihren beiden Betätigungsfeldern entsprechend verhandelt Zeh in ihren Geschichten oft grundlegende Fragen rund um Gewissen, Wahrheit, Moral, Ethik und Gesetz. Dies kam schon in Spieltrieb (2004) sehr deutlich zum Tragen. Vergleicht man übrigens diesen Roman mit Leere Herzen, kann man kaum glauben, dass sie von ein und derselben Autorin stammen sollen: Während Spieltrieb angesichts seiner ausufernden, kunstvollen, von einer auktorialen Erzählinstanz formulierten Sätze irgendwie aus der Zeit gefallen wirkt, kommt Leere Herzen zumeist ausgesprochen nüchtern daher. (Böse Zungen könnten das Werk von Juli Zeh insofern als stilistisch heterogen bezeichnen; für mich persönlich ist es eher ein Beleg für ihre Vielseitigkeit. So einen Thomas-Mann-Duktus wie in Spieltrieb muss man nämlich erst mal hinkriegen!)

In Leere Herzen haben wir es mit einer personalen Erzählsituation zu tun: Berichtet wird aus dem Blickwinkel von Britta, und zwar eben sehr „auf den Punkt“, mit genau der kühlen Sachlichkeit, die diese Heldin auszeichnet. Die wenigen Ecken, an denen es poetisch wird („Die Möbel schweigen wie Partygäste, die eben noch über den Neuankömmling gesprochen haben“), wirken dabei ein wenig wie Fremdkörper. Auch das ein kluger Kunstgriff, denn Britta hat natürlich doch nicht nur diese eine, rationale Seite, auch wenn sie es selbst nicht wahrhaben will.

Warum noch toll?

In Leere Herzen wird ganz schonungslos eine beunruhigende Zukunftsvision ausgebreitet. Wie oben schon erwähnt, funktioniert das Beunruhigen vermutlich deshalb so gut, weil es sich bei den erzählten Ereignissen zwar um Science-Fiction handelt, sie aber zeitlich nicht weit weg und nicht unvorstellbar genug sind, als dass man sich wirklich davon distanzieren könnte: Deutsche Parteien wie die „BBB“ (= „Besorgte-Bürger-Bewegung“), nach dem Brexit auch noch „Frexit“, „Spexit“ und „Schwexit“ – alles keine völlig absurden Ideen, oder? Gefallen hat mir allerdings auch, dass die Geschichte nicht vollständig in der scheinbar alles bestimmenden Hoffnungslosigkeit stecken bleibt, sondern Britta ab einem bestimmten Punkt doch noch ins Nachdenken kommt.

Wem gefällt’s?

Leere Herzen dürfte grundsätzlich Fans von Politthrillern ansprechen, innerhalb dieser Gruppe in erster Linie die leicht sarkastischen Zeitgenossen – und darunter wiederum diejenigen, die allem gerechtfertigten Kulturpessimismus zum Trotz auch noch an das Gute in einzelnen Menschen glauben möchten.

Naomi Alderman: Die Gabe (Heyne)

Ein spannendes Was-wäre-wenn-Szenario

Buchbesprechung von Julia Hartel

So viel vorweg

Über Die Gabe kann man sehr geteilter Meinung sein, hat das Buch doch – schreibhandwerklich gesehen – durchaus seine Schwächen. Eines kann man seiner Autorin, der in London lebenden Naomi Alderman, jedoch nicht absprechen: Sie hat ihr Werk auf eine faszinierende Grundidee aufgebaut. Das Resultat ist ein äußerst ungewöhnlicher Roman, den ich (obwohl es sich um einen ziemlichen Wälzer von rund 460 Seiten handelt) unbedingt zu Ende lesen wollte.

Worum geht’s?

Von einem Tag auf den anderen haben mehrere Frauen auf der ganzen Welt die Gabe, mit ihren bloßen Händen schwere Stromstöße zu erzeugen. Das versetzt sie logischerweise in die Lage, sich beispielsweise gegen übergriffige Männer zu wehren. Doch sehr schnell wird ihnen klar, dass sich durch diese Gabe, die sich nach kurzer Zeit weltweit ausgebreitet hat, noch ganz andere Möglichkeiten eröffnen. Das Buch erzählt die Geschichten mehrerer Personen, die diese Phase der Menschheitsgeschichte miterleben und auf verschiedenen Ebenen mitgestalten. Wer zu Beginn allerdings denkt: „Oh, super, endlich räumt mal jemand ein bisschen auf und sorgt für Harmonie und Gerechtigkeit!“, der täuscht sich gewaltig.

Stilistisches et cetera

Wie schon erwähnt, kann Die Gabe höheren literarischen Ansprüchen nicht vollauf genügen. Dabei muss man natürlich beachten, dass es sich um eine Übersetzung handelt – das englische Original wurde ja sicherlich nicht umsonst mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction ausgezeichnet. Was mir zum Beispiel sehr daran gefällt, ist das Spiel mit unterschiedlichen Zeitebenen, das durch Zeichnungen von angeblichen archäologischen Fundstücken noch auf die Spitze getrieben wird. Ich gestehe, dass ich erst auf den letzten Seiten nicht von Anfang an vollständig kapiert habe, wie nun eigentlich alles zeitlich zusammenhängt. :-,,

Warum noch toll?

Das Buch ist einfach sehr spannend! Man merkt beim Lesen irgendwann, worauf das Ganze zusteuert, und bekommt langsam, aber sicher die erste Schicht Gänsehaut. Der ersten Schicht folgen weitere. Und dann kommt noch das dicke Ende … Allein schon wegen dieses Spannungsbogens würde sich Die Gabe meiner Meinung nach super für eine Verfilmung eignen.

Zugleich hat mich die Geschichte nachhaltig ins Grübeln gebracht. Mir wurde bewusst, dass ich bis dahin in meinen Geschlechtsgenossinnen ganz selbstverständlich die sanftmütigeren, friedlicheren Menschen gesehen hatte. Die Gabe hat mir in dieser Hinsicht gründlich mein voreingenommenes Gehirn durchgepustet.

Wem gefällt’s?

Leuten, die Spaß an Was-wäre-wenn-Szenarien haben. Und die ausnahmsweise damit leben können, wenn ein Buch zwar einen tollen gedanklichen Unterbau hat, ansonsten aber vielleicht ein ganz klein wenig in Richtung Trivialliteratur tendiert.

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann (DuMont)

Tiefe Emotionen, feiner Humor und geniale Sprachbilder

Buchbesprechung von Julia Hartel

So viel vorweg

Auf dieses Buch kann ich nur eine Hymne schreiben. Was man von hier aus sehen kann ist wahrhaftig der beste Roman, den ich je gelesen habe. Ich habe ihn schon mehrfach empfohlen und verschenkt, und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird er mein Lieblingsbuch fürs Leben bleiben (also jedenfalls, soweit ich es von hier aus sehen kann … ;)).

Worum geht’s?

Es geht um ein Dorf im Westerwald und seine Bewohner. Hauptperson ist Ich-Erzählerin Luise, die in dem kleinen Nest aufwächst. Was ihr und ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn dort passiert, ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger als das Leben: Freundschaften, Verluste, Liebe, Konflikte, Psychotherapien, Arbeit, Herzschmerz. Doch irgendwie wird durch Mariana Lekys geniale Erzählkunst aus jeder dieser allgemein bekannten menschlichen Erfahrungen etwas Besonderes. Gut, ein bisschen übersinnlich geht es manchmal schon auch zu, allerdings ohne dass sich das jemals unrealistisch anfühlen würde … Was soll ich sagen? Es ist der perfekte Mix.

Stilistisches et cetera

Alles an Was man von hier aus sehen kann gefällt mir: jede einzelne Idee und jedes kleinste Detail innerhalb des Plots, jede Facette der verschiedenen Charaktere, der feine Humor in den Dialogen und natürlich ganz besonders die Sprachbilder. Solche Bilder werden oft scheinbar beiläufig eingeflochten, etwa wenn Luise das Gefühl hat, ihre Großmutter Selma könne Gedanken lesen („als hingen meine Gedanken in Buchstabengirlanden über meinem Kopf“), oder wenn der Optiker manchmal torkelt und deshalb sogar schon beim Neurologen war, obwohl er eigentlich genau weiß, dass er nur ab und an von seinen inneren Stimmen angerempelt wird.

Warum noch toll?

Weil man beim Lesen unfassbar viele Emotionen unfassbar tief durchlebt. Wegen solcher Kapitelüberschriften wie „Der Sex mit Renate raubt mir den Verstand“. Wegen Lekys Fähigkeit, Situationskomik mit Worten abzubilden. Weil Selma noch mehr wie Rudi Carrell aussieht als Rudi Carrell selbst. Weil man bei dieser Selma, der lustigen, gütigen und weisen Großmutter, am liebsten sofort einziehen möchte. Weil immer, wenn Luise flunkert, etwas herunterfällt, sie selbst aber diesen Zusammenhang gar nicht erkennt. Weil … Ach, ich könnte noch laaange so weitermachen.

Wem gefällt’s?

Da müsste die Frage eigentlich anders lauten: Wem könnte dieses Buch nicht gefallen? Was man von hier aus sehen kann sollten alle kennenlernen, die beim Lesen abwechselnd lauthals lachen und Tränen verdrücken, mit den Figuren mitfiebern und sich in manche von ihnen vielleicht sogar einmal kurz verlieben möchten. Alle, die sorgfältig gestaltete Details und eine originelle, ästhetische Ausdrucksweise zu schätzen wissen. Kurz: alle Anspruchsvollen, die außerdem etwas mit Gefühlen anfangen können. Und alle anderen wahrscheinlich erst recht.

Katharina Hagena: Das Geräusch des Lichts (KiWi)

Ein Wartezimmer voller Geschichten

Buchbesprechung von Julia Hartel

So viel vorweg

Katharina Hagena wurde durch ihren Roman Der Geschmack von Apfelkernen (2008) bekannt, eine ganz wunderbare Geschichte, die 2013 sogar ins Kino kam. Im Jahr zuvor, also 2012, war Vom Schlafen und Verschwinden erschienen (ebenfalls ziemlich großartig!), Das Geräusch des Lichts folgte 2016. Alle genannten Werke zeichnen sich durch einen unverwechselbaren Stil aus – aber auch und vor allem durch den Einfallsreichtum der Autorin und ihre besondere Fähigkeit, glaubwürdige Figuren zu modellieren.

Worum geht’s?

Das Besondere an Hagenas jüngstem Roman ist dessen Form: Er besteht aus mehreren Episoden, nämlich den Geschichten von Menschen, die alle gemeinsam im Wartezimmer eines Nervenarztes sitzen. Allerdings spielen sich die Begebenheiten nur in der Fantasie der Ich-Erzählerin ab, die eine der Wartenden ist.

Aus der jungen Frau neben sich macht sie eine Botanikerin, die kürzlich in Kanada war und dort unsäglichen Geheimnissen auf die Spur gekommen ist – oder hat sie sich das eventuell alles nur eingebildet …?? Der Junge, der der Ich-Erzählerin gegenübersitzt, vermutet in ihrer Vorstellung unter jedem Gullydeckel einen möglichen Geheimweg zum Planeten Tschu (Überlegungen, die sogar durch Illustrationen veranschaulicht werden). Der Vater des Jungen will die Geräusche des Nordlichts aufnehmen. Und so weiter.

Alle Episoden bilden also letztlich in sich abgeschlossene Kurzgeschichten, wobei sie aber zugleich durch bestimmte Motive kunstvoll miteinander und mit der Rahmenhandlung verbunden werden. Zuletzt konfrontiert die Ich-Erzählerin uns und sich selbst mit ihrer eigenen Geschichte – und das mit einem für mich ziemlich unerwarteten Ausgang …

Stilistisches et cetera

Katharina Hagena ist ganz offensichtlich eine ausgezeichnete Beobachterin und hat, wie oben schon angedeutet, eine für sie typische Schreibe, die mir sehr gefällt: meist anschaulich, pointiert und schnörkellos, aber auch immer wieder kitschfrei poetisch. Am allermeisten schätze ich jedoch ihren Humor und ihre Sprachspiele. Die „Grammatik des Wartens“ in Das Geräusch des Lichts ist hierfür nur ein Beispiel: Sie enthält Kasus wie den „Stagnativ (Frage: Wird’s bald?)“ oder den „Desperativ (Frage: Wozu überhaupt?)“ sowie Tempora wie das „Absens“, das „Impatiens“, das „Plusquamdefekt“ oder das „Nonfutur“. Ich mag so was einfach. 🙂

Warum noch toll?

Bis auf eine Episode, die sich ein bisschen zieht, liest sich das Buch ausgesprochen kurzweilig. Die vielfältigen Andeutungen und Rätsel lassen einen beim Lesen immer wieder zweifeln, ob man eigentlich alles richtig versteht. Und besonders das aus meiner Sicht überraschende Ende empfinde ich als ausgesprochen gelungen.

Wem gefällt’s?

Wer Filme und Bücher in Episodenform mag und beim Lesen gern ein bisschen knobelt, dürfte die Lektüre von Das Geräusch des Lichts genießen. Mich persönlich hat der Roman sehr beeindruckt und ich werde die Figuren – und ihre im wahrsten Wortsinn fantastischen Erlebnisse – gern noch lange in meinem Kopf herumschwirren lassen.

Angela Lehner: Vater unser (Hanser Berlin)

Die Untiefen der menschlichen Psyche

Buchbesprechung von Julia Hartel

So viel vorweg

Vater unser ist eins von den Büchern, bei deren Lektüre man fast vergisst zu blinzeln. Packend-beklemmend kommt die Story daher – man schließt die Figuren ins Herz und will sie gleichzeitig schütteln und anschreien: „Was TUT ihr bloß?!“

Worum geht’s?

Ich-Erzählerin Eva Gruber hat psychische Probleme und wird ins Wiener Otto-Wagner-Spital eingeliefert, wo sie auf ihren Bruder Bernhard trifft. Er leidet an einer Essstörung. Die Geschwister werden behandelt, doch beide sind offenbar so tief traumatisiert, dass es mit den Therapien nicht so recht voranzugehen scheint. Innerlich, so viel wird klar, arbeiten sie sich an ihren Eltern ab; was genau in Evas und Bernhards Kindheit passiert ist, erfährt man aber erst gegen Ende des Buchs.

Stilistisches et cetera

Sprachlich hat mich Vater unser rundum überzeugt: Als geborene Klagenfurterin streut Angela Lehner (Jahrgang 1987) eine gewaltige Prise Österreich in ihre Dialoge, ohne dadurch irgendeine Gemütlichkeit aufkommen zu lassen. Evas Reflexionen sind ebenso scharfzüngig wie scharfsinnig, abgegriffene Formulierungen oder Bilder sucht man vergeblich. Nicht umsonst stand dieses Romandebüt 2019 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Warum noch toll?

Die Geschichte gibt viel Einblick in das Innenleben der Heldin – was weder heißt, dass man ihr als Leser trauen könnte, noch, dass die Handlung nicht auch äußerlich an Fahrt aufnehmen würde. Im Gegenteil: Besonders im dritten Teil wird das Ganze zu einem regelrechten Pageturner.

Wem gefällt’s?

Das Buch ist sicherlich nicht die erste Wahl, wenn man sich gerade nach guter Laune sehnt. Wer Spannung liebt, sich für die Untiefen der menschlichen Psyche interessiert und für unverbrauchte Stilmittel begeistert, sollte Vater unser aber unbedingt lesen (eventuell eine Tafel Schokolade für hinterher bereithalten!).

Die Textkomponistin Julia Hartel startet neuen Buchblog

Buchbesprechungen von Julia Hartel

Vorwort – falls ein Blog so etwas hat

Hier entsteht gerade etwas Neues: mein privater Buchblog. Und dabei will ich mich gar nicht länger mit der wahrscheinlich berechtigten Frage aufhalten, warum die Idee dazu mit solcher Verspätung in meinem Gehirn eingetroffen ist (Leseratte mit eigener Website –> eigener Buchblog – eigentlich kein allzu weiter gedanklicher Weg, sollte man meinen …). Sei’s drum.

Nun soll es jedenfalls losgehen, und zwar, indem ich einfach nach und nach und ganz unsortiert die Bücher vorstelle, die ich in den letzten Jahren so gelesen habe und von denen ich die meisten sehr empfehlen kann.

Idealerweise wird die Liste möglichst schnell möglichst lang. Wir werden sehen, was 2020 dazu meint.

Allen Besucherinnen und Besuchern viel Vergnügen beim Schmökern!